Beschreibung des IwsmF-Wanderungsmodells

Teil 1: Wählerwanderungen global

Individualdaten

Beim Wahlrecht mit Listen- und Kandidatenpräferenz werden die von der amtlichen Statistik bereitgestellten und über alle vorhandenen Wahlen und Gebiete kumulierten Splitting- bzw. Panaschiertabellen benutzt, wobei das 1992 entwickelte sog. "Markov"-Modell zur Anwendung kommt, mit dem aus zwei Splitting- oder Panaschiertabellen eine saldierte Wanderungstabelle ohne Nichtwähler rekonstruiert werden kann, die auch beim Lagerwechsel einer Partei eindeutig besser ist als jede Rückerinnerung. Beim Einstimmenwahlrecht werden aus Befragungen stammende symmetrisierte Tabellen für die Kombination zwischen aktueller und früherer Wahlentscheidung, jeweils ohne Nichtwähler, über möglichst viele Wahlen und Gebiete kumuliert. Die originale Rückerinnerung ist wegen z.T. massiver Verzerrungen definitiv nicht geeignet.

Rekonstruktion des individuellen Wanderungsverhaltens mit Aggregatdaten

Ausgangspunkt ist das faktische Wählerverhalten aller Teilgebiete in % der Wahlberechtigten für die aktuelle und die frühere Wahl. Ein Plus oder Minus an Nichtwählern wird für jedes Teilgebiet zunächst auf die Parteien prozentual entsprechend ihrem alten bzw. neuen Wahlergebnis verteilt, anschließend werden reduzierte Randverteilungen ohne Nichtwähler berechnet und mit diesen vorläufige (saldierte) Innenfelder berechnet. Je nach Wahlrecht wird dazu entweder das Markov-Modell mit Splitting-/Panaschierdaten benutzt, oder es werden die Befragungsdaten an die Teilgebietswerte mit dem Iterative Proportional Fitting angepaßt. Danach werden die Wanderungssalden zwischen den Lagern um ein Viertel reduziert und, damit die ursprünglichen Randverteilungen wieder stimmen, durch Wanderungen zwischen Parteien und Nichtwählern "ersetzt". Zum Abschluß werden die so gewonnen Teilgebietstabellen noch saldiert, in den nächsten Schritt gehen dann um die Stammwähler reduzierte Randverteilungen ein.

Zur Rekapitulation: Die beschriebene Vorgehensweise bedeutet inhaltlich, daß die mäßig unzufriedenen Wähler zur Wahl gehen und zu einer Partei innerhalb des gleichen Lagers wechseln, die stärker unzufriedenen Wähler ca. zu 25% nicht zur Wahl gehen und ca. zu 75% zu einer Partei des anderen Lagers wechseln. Die Wahrscheinlichkeiten, zur Wahl zu gehen, sind nicht willkürlich definiert, sondern das Ergebnis umfangreicher empirischer Tests mit dem Spektrum aller möglichen Wahrscheinlichkeiten, nicht zur Wahl zu gehen.

Zur Schätzung der Innenfelder wird das Korrelationsmodell (Thomsen-Modell ohne Logittransformation und mit crude binary choice) verwendet. Grundlage sind die um die Stammwähler reduzierten Randverteilungen vom Ende des vorvorigen Absatzes. Für jedes Teilgebiet wird dabei eine unabhängige Schätzung durchgeführt, in die alle Teilgebiete jeweils mit individuellen Gewichten eingehen. Die Gewichte werden so optimiert, daß die statistische Schätzung minimal von der Schätzung mit Individualdaten abweicht. Die Schätzungen des crude binary choice sind nicht konsistent und werden deshalb stets an die Soll-Randverteilungen angepaßt. Mit diesen "endgültigen" Innenfeldern wird nun - wiederum ohne Nichtwähler - die oben schon skizzierte je nach Wahlrecht unterschiedliche Berechnung individueller Wanderungssalden durchgeführt, als Gütekriterium wird der relative Fehler benutzt, d.h. der Quotient aus der Summe der Abweichungsbeträge (aber nur für die Wechselwähler) und allen Wechselwählern.

Teil 2: Wählerwanderungen für Sozialstruktur und Demografie

Individualdaten

Benutzt werden prinzipiell ähnlich wie in Teil 1 symmetrisierte und kumulierte Befragungsdaten, aufgegliedert sowohl nach allen dreidimensionalen Kombinationen der Merkmalsausprägungen von Religion / Race mit Bildung mit (Erwerbs-)Tätigkeit (Sozialstruktur) bzw. von Geschlecht mit Familienstand mit Alter (Demografie) als auch nach aktueller und früherer Wahlentscheidung (incl. Nichtwählern).

Rekonstruktion des individuellen Wanderungsverhaltens mit Aggregatdaten

Zur Schätzung der Innenfelder wird wie in Teil 1 das Korrelationsmodell verwendet. Grundlage sind zum einen die endgültigen Innenfelder-Teilgebietsschätzungen (vorher abgezogene Stammwähler wieder hinzugefügt) als Randverteilung 1 und zum anderen wie bei den Individualdaten aufgegliederte Volkszählungs- oder kumulierte Mikrozensusergebnisse als Randverteilung 2 für alle Teilgebiete, stets in % aller Wahlberechtigten. Die weitere Vorgehensweise ist formal identisch wie in Teil 1 bis zur Anpassung des crude binary choice an die Randverteilungen 1 und 2. Diese "endgültigen" Innenfelder werden nun mit der Anpassung der Befragungsdaten an die Randverteilungen 1 und 2 des jeweiligen Teilgebiets verglichen, als Gütekriterium wird die Summe der Abweichungsbeträge benutzt. Das reine Wählerverhalten für Sozialstruktur bzw. Demografie ergibt sich durch einfache Summierung der zugehörigen Kategorien von Stamm- und Wechselwählern.